Reifen wechseln und einfach irgendeinen passenden Reifen montieren? Bei älteren Motorrädern ist das nicht immer erlaubt. Besonders die Reifenfabrikatsbindung sorgt bei vielen Motorradfahrern für Unsicherheit.
Im Fahrzeugschein steht häufig der Hinweis:
„Reifenfabrikatsbindung gemäß Betriebserlaubnis beachten.“
Doch was bedeutet dieser Eintrag genau? Musst du zwingend die genannten Reifen fahren? Oder darfst du auch einen modernen Reifen eines anderen Herstellers montieren?
Die Antwort hängt davon ab, welche Genehmigungsart dein Motorrad besitzt und ob in der ursprünglichen Betriebserlaubnis tatsächlich eine Reifenfabrikatsbindung festgelegt wurde.
In diesem Ratgeber erfährst du, worauf du beim Reifenwechsel achten musst, was Feld K und Feld 22 bedeuten und wann eine Reifenfreigabe oder Änderungsabnahme erforderlich sein kann.
Was bedeutet Reifenfabrikatsbindung beim Motorrad?
Eine Reifenfabrikatsbindung bedeutet, dass für ein Motorrad bestimmte Reifen oder Reifenpaarungen im Rahmen der Genehmigung geprüft wurden. Bei älteren Motorrädern können deshalb konkrete Angaben zu folgenden Punkten enthalten sein:
- Reifenhersteller wie Metzeler oder Bridgestone
- bestimmte Reifentypen
- zugelassene Vorder- und Hinterreifen
- vorgeschriebene Reifenpaarungen
Wichtig: Der Hinweis im Fahrzeugschein bedeutet nicht automatisch, dass für dein Motorrad tatsächlich eine Reifenfabrikatsbindung besteht. Entscheidend ist, welche Angaben in der ursprünglichen Betriebserlaubnis oder den maßgeblichen Genehmigungsunterlagen stehen.
Der Eintrag im Fahrzeugschein ist nicht immer eindeutig
Bei der Umstellung vom alten Fahrzeugschein auf die heutige Zulassungsbescheinigung Teil I wurde der Hinweis zur Reifenfabrikatsbindung bei vielen älteren Motorrädern übernommen.
Deshalb solltest du dich nicht ausschließlich auf den Eintrag in Feld 22 verlassen.
Steht dort:
„Reifenfabrikatsbindung gemäß Betriebserlaubnis beachten“
musst du prüfen, ob in der ursprünglichen Betriebserlaubnis tatsächlich konkrete Reifenfabrikate oder Reifenpaarungen vorgeschrieben sind. Der Satz ist also ein Hinweis auf die Betriebserlaubnis – er ersetzt nicht deren Prüfung.
Was bedeutet Feld K im Fahrzeugschein?
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Genehmigungsart deines Motorrads. Diese findest du in Feld K der Zulassungsbescheinigung Teil I.
Dort stehen Angaben zur Typgenehmigung beziehungsweise Betriebserlaubnis.
Bei einer EG-Typgenehmigung findest du typischerweise eine Genehmigungsnummer mit einem „e“ beziehungsweise einem E-Prüfzeichen.
Bei älteren Motorrädern mit einer nationalen Betriebserlaubnis oder ABE kann dagegen eine nationale Genehmigungsnummer eingetragen sein.
Warum ist das wichtig?
Die klassische Reifenfabrikatsbindung betrifft insbesondere ältere Motorräder mit einer nationalen Betriebserlaubnis. Deshalb reicht es bei diesen Fahrzeugen nicht aus, nur die Reifengröße im Fahrzeugschein zu vergleichen.
Entscheidend ist die ursprüngliche Betriebserlaubnis
Nehmen wir als Beispiel eine ältere Suzuki SV650.
Im Fahrzeugschein steht möglicherweise der bekannte Hinweis zur Reifenfabrikatsbindung. In der dazugehörigen Betriebserlaubnis können neben den Reifengrößen auch konkrete Reifenhersteller oder Reifenpaarungen aufgeführt sein.
Sind dort beispielsweise Metzeler und Bridgestone genannt, wurden diese Kombinationen für das Motorrad entsprechend geprüft und genehmigt.
Ein moderner Pirelli-Reifen kann technisch hervorragend zur Suzuki passen. Trotzdem darfst du nicht automatisch davon ausgehen, dass er ohne weitere Prüfung zulässig ist.
Warum ist ein anderer Reifen nicht automatisch erlaubt?
Reifen mit derselben Nennbreite sind nicht zwangsläufig geometrisch identisch. Ein 180er Reifen ist beispielsweise nicht automatisch genauso breit, hoch oder konturiert wie jeder andere Reifen mit der Bezeichnung 180. Unterschiede können unter anderem entstehen durch:
- unterschiedliche Karkassen
- verschiedene Profile
- abweichende Reifenkonturen
- unterschiedliche Reifenhöhen
- verschiedene tatsächliche Breiten
Diese Unterschiede können die Freigängigkeit, das Fahrverhalten und die Betriebssicherheit beeinflussen.
Was bedeutet die Hüllkurve beim Motorradreifen?
In diesem Zusammenhang spielt die sogenannte Hüllkurve eine wichtige Rolle. Vereinfacht beschreibt sie den Bereich, innerhalb dessen sich ein Reifen mit seinen tatsächlichen Abmessungen und Bewegungen befinden darf. Die Angabe „180er Reifen“ sagt deshalb allein noch nicht alles über die tatsächliche Form und Größe des Reifens aus.
Ein anderer Reifen mit derselben Nennbreite kann eine abweichende Kontur besitzen und dadurch näher an folgende Bauteile kommen:
- Kotflügel
- Schwinge
- Kette
- Bremsteile
- Fahrwerksteile
Bei Motorrädern mit älteren nationalen Genehmigungen wurden deshalb häufig nur bestimmte Reifen und Reifenpaarungen geprüft.
Darf ich einen anderen Reifen montieren?
Wenn du von der ursprünglich genehmigten Bereifung abweichen möchtest, solltest du vor der Montage prüfen, ob der gewünschte Reifen für dein konkretes Motorrad zulässig ist. Dafür können technische Informationen oder Bescheinigungen des Reifenherstellers hilfreich sein. Sie enthalten teilweise Angaben dazu, ob eine Änderungsabnahme erforderlich ist.
Wichtig ist jedoch:
Eine Reifenfreigabe des Herstellers ist nicht automatisch eine allgemeine Betriebserlaubnis für jede Reifen- und Fahrzeugkombination.
Wenn die neue Bereifung von den genehmigten Angaben abweicht, solltest du die rechtliche Situation vor dem Reifenwechsel mit einer Prüforganisation oder einem entsprechend befugten Sachverständigen klären.
Reifenfabrikatsbindung austragen lassen
Eine mögliche Lösung kann sein, die Reifenfabrikatsbindung durch eine technische Prüfung austragen zu lassen. Das ist allerdings keine reine Formalität. Bei der Prüfung wird unter anderem kontrolliert, ob der gewünschte Reifen ausreichend Freigängigkeit besitzt.
Dabei können beispielsweise die Abstände geprüft werden:
- zum vorderen Kotflügel
- zum hinteren Kotflügel
- zur Schwinge
- zur Kette
- zu angrenzenden Fahrwerks- und Bremsteilen
Werden die technischen Vorgaben eingehalten, kann eine Änderungsabnahme möglich sein. Ob die Reifenfabrikatsbindung tatsächlich ausgetragen werden kann, hängt immer vom konkreten Motorrad, der Bereifung und dem Prüfergebnis ab.
Welche Vorteile hat die Austragung?
Die Austragung kann besonders bei älteren Motorrädern sinnvoll sein, wenn du bei der Reifenwahl künftig flexibler bleiben möchtest. Du musst dann nicht bei jedem Reifenwechsel erneut prüfen, ob ein bestimmtes Fabrikat in der Betriebserlaubnis genannt ist. Das kann hilfreich sein, wenn:
- die ursprünglich freigegebenen Reifen nicht mehr erhältlich sind
- die Auswahl an passenden Reifen sehr klein ist
- du auf ein modernes Reifenmodell wechseln möchtest
- du künftig verschiedene Hersteller vergleichen willst
Nach einer erfolgreichen Prüfung und Eintragung hast du mehr Klarheit bei der Auswahl geeigneter Reifen.
Kann ich die Reifenfabrikatsbindung selbst austragen?
Nein. Die technische Prüfung und Eintragung sind keine typischen DIY-Arbeiten. Du kannst jedoch die notwendigen Unterlagen zusammentragen und dein Motorrad für die Prüfung vorbereiten. Die eigentliche Änderungsabnahme muss durch eine zuständige Prüforganisation oder einen entsprechend befugten Sachverständigen erfolgen. Da der Prüfaufwand je nach Motorrad und Reifen unterschiedlich ist, entstehen dafür Kosten.
Was solltest du vor dem nächsten Reifenwechsel prüfen?
Bevor du für ein älteres Motorrad neue Reifen bestellst, gehst du am besten Schritt für Schritt vor.
1. Zulassungsbescheinigung Teil I prüfen
Schau in den Fahrzeugschein und achte besonders auf:
- Feld K
- Feld 22
- eingetragene Reifengrößen
- Hinweise zur Reifenfabrikatsbindung
2. Betriebserlaubnis heranziehen
Wenn der Hinweis zur Reifenfabrikatsbindung vorhanden ist, prüfe, welche Reifen und Reifenpaarungen in der ursprünglichen Betriebserlaubnis genannt werden.
3. Gewünschten Reifen vergleichen
Vergleiche nicht nur die Reifengröße. Prüfe auch, ob der konkrete Reifen für dein Motorrad vorgesehen oder entsprechend freigegeben ist.
4. Zulässigkeit klären
Weicht der gewünschte Reifen von den genehmigten Angaben ab, kläre vor der Montage, ob eine Reifenfreigabe, Änderungsabnahme oder Eintragung erforderlich ist.
5. Erst danach montieren
So vermeidest du unnötige Kosten und mögliche Probleme bei einer Verkehrskontrolle oder Hauptuntersuchung.
Fazit: Reifenfabrikatsbindung bei älteren Motorrädern richtig prüfen
Die Reifenfabrikatsbindung zeigt, warum bei älteren Motorrädern ein Blick auf die Reifengröße allein nicht immer ausreicht.
Der Hinweis „Reifenfabrikatsbindung gemäß Betriebserlaubnis beachten“ bedeutet nicht automatisch, dass eine konkrete Fabrikatsbindung besteht. Entscheidend sind die Angaben in der ursprünglichen Betriebserlaubnis und den maßgeblichen Genehmigungsunterlagen.
Wenn dort bestimmte Reifenhersteller oder Reifenpaarungen vorgeschrieben sind, solltest du vor dem Wechsel auf ein anderes Fabrikat die Zulässigkeit klären.
Denn: Nur weil ein Reifen von der Größe her passt, darfst du ihn nicht automatisch ohne weitere Prüfung fahren.
Wenn du dauerhaft mehr Auswahl bei der Reifenwahl möchtest, kann eine fachgerechte Prüfung und gegebenenfalls die Austragung der Reifenfabrikatsbindung eine sinnvolle Lösung sein.